Ein Roman aus dem Jahr 1928, von dem Sie sehr
wahrscheinlich noch nie gehört haben, obwohl man ihn mit einigem Recht als
eines der einflussreichsten Werke des 20. Jahrhunderts bezeichnen könnte, endet
wie folgt:
„Oft vorher schon hatte er die lange und
geheimnisvolle Reihe von Lichtern eines abfahrenden Zuges beobachtet, der sich
durch die dunkle Nacht wand, und jedes Mal einen Schauer empfunden. Aber nie
einen so heiligen Schauer wie jetzt.“
Der einzige Inhalt des Buches ist ein Gespräch
im Rauchsalon eines Eisenbahnwaggons, das angestoßen wird von der bloß
„Grauer Herr“ genannten Person, die gerade den heiligen Schauer empfunden
hat. Zu Recht, hat er doch im Gespräch mit einem Abgeordneten, einem Geschäftsmann,
einem Seidenwarenfabrikanten und einem Ökonomieprofessor eine Möglichkeit
entdeckt, Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit ein für alle Male
abzuschaffen. Alles, was zu tun sei, sei folgendes: Der Staat müsse Statistiken
erstellen, mit denen die wirtschaftliche Aktivität gemessen werden könne.
Sobald sich eine Abschwächung der Konjunktur andeute, müsse der Staat für höhere
Nachfrage sorgen, indem er Geld ausgebe für den Bau von Wasserstraßen,
Häfen, Staatsstraßen, Parkanlagen und Dämmen. Ja, es ist das, was wir heute
als Keynesianismus bezeichnen. Die Idee wurde aber nicht etwa von dem britischen
Ökonomen Keynes bekannt gemacht, der seine General Theory ja erst 1936 veröffentlichte,
sondern von den beiden amerikanischen Publizisten
Literatur eignet sich durchaus
dazu, Entwicklungen in der Wirtschaft anzustoßen.
Überhaupt gibt es in der
Wirtschaft und an den Finanzmärkten eigentlich nichts, was die Literatur nicht
schon viel früher entdeckt hätte. Komplexe Finanzinstrumente existierten in
der Vorstellung der Dichter schon vor Jahrhunderten, man denke etwa an Fortunati
Glückssäckel oder den Dukatenesel im Märchen „Tischlein deck dich“. Damit
sie von der Idee zur Wirklichkeit springen konnten, musste allerdings eine
Schranke niedergerissen werden: Wert durfte nicht mehr an etwas Materielles
gebunden sein, sondern mußte zu einer Imagination werden – nicht zu einer
individuellen freilich, sondern zu einer kollektiven und universellen. Ein
100-Euro-Schein wird überall auf der Welt als Wert akzeptiert, obwohl er bloß
bedrucktes Papier ist. Sein Wert ist durch nichts gedeckt – so, wie eine
literarische Fiktion in der Regel nicht durch Tatsachen gedeckt ist und es für
ihren literarischen Wert auch keine Rolle spielt, ob sie „wahr“ ist. Wir
sprechen von „Zeichengeld“, im Englischen ist das Wort „Fiat money“ üblich:
„Fiat“ ist latein für „es werde“ und lässt an die Schöpfungsgeschichte
des 1. Buch Moses denken. Tatsächlich handelt es sich um den Schöpfungsmythos
der modernen Wirtschaft. Sie wird nicht allein vom Austausch von Waren und
Dienstleistungen bestimmt, sondern wesentlich von Geschichten, die erzählt
werden. Wenn sie schon nicht wahr sind, so sollen sie doch zumindest plausibel
sein, es kommt also darauf an, sie glaubwürdig zu erzählen. Schwächen in der
Erzählung werden irgendwann bestraft: Das „Verbrauchervertrauen“ sinkt, „die
Märkte verlieren das Vertrauen“, am Ende kommt es zur allgemeinen
Glaubenskrise, der sogenannten „Kreditklemme“ (Kredit von lat. credere:
glauben). Der Glaube kann sehr schnell verlorengehen, aber auch sehr leicht
hergestellt werden, sodass Werte zwar schnell verschwinden, aber auch im
Handumdrehen geschaffen werden können. Das war nicht immer so. Als Geld noch
etwas Materielles war, war die Alchimie vor schier unlösbare Probleme gestellt.
Denis Zachaire, ein französischer Alchimist des
16. Jahrhunderts, hat uns eine Autobiographie hinterlassen, die einen Eindruck
gibt von den Mühen und Herausforderungen des damaligen Alchimistenlebens:
„Nachdem
ich 15 Tage gereist war, kam ich am 9. Januar 1539 in Paris an. Einen Monat lang
blieb ich fast unbekannt. Doch kaum dass ich angefangen hatte, die Geschäfte
der Schmelzofenmacher zu besuchen, hatte ich auch schon die Bekanntschaft mit über
hundert aktiven Alchimisten gemacht, von denen jeder eine andere Theorie und
Arbeitsweise hatte. Manche bevorzugten die Zementation; andere suchten das
Alkahest oder Lösemittel; und andere prahlten mit der großen Wirkung der
Schmirgelessenz. Einige strebten danach, Quecksilber aus anderen Metallen zu
extrahieren, um es nachher wieder zusammenzusetzen. Damit jeder von uns mit den
Methoden der anderen gründlich vertraut würde, vereinbarten wir, uns jede
Nacht irgendwo zu treffen und die Fortschritte zu berichten. Wir trafen uns mal
in dem Haus des einen, mal in der Dachstube des anderen. Nicht nur an
Wochentagen, sondern auch sonntags und an den hohen kirchlichen Feiertagen.
„Ah“, pflegte einer zu sagen, „wenn ich bloß die Mittel hätte, das
Experiment zu wiederholen, würde schon etwas dabei herauskommen.“ „Ja“,
sagte ein anderer, „wenn mein Schmelztiegel nicht zerbrochen wäre, hätte ich
längst Erfolg gehabt“, während ein dritter mit einem Seufzer sagte: „Wenn
ich nur ein rundes Kupfergefäß von genügender Dicke hätte, hätte ich
bereits Silber mit Quecksilber vereint.“ Es war keiner unter ihnen, der nicht
eine Entschuldigung für sein Versagen hatte, doch ich blieb taub gegenüber
ihren Reden und gab keinem mein Geld, denn ich erinnerte mich daran, wie oft ich
schon von solchen Versprechen betrogen worden war.“
Wir sehen hier, dass auch damals schon die
Gewinner unter den Goldmachern diejenigen waren, die die beste Story zu erzählen
hatten und so Investoren anlocken konnten. Für den Geschäftserfolg war nicht
das tatsächlich erzielte Resultat ausschlaggebend – zumindest dann, wenn sie
sich schnell genug aus dem Staub machten.
John Law sah in Geld kein Wertaufbewahrungs-,
sondern ein Tauschmittel. Frankreichs fiskalische Schwierigkeiten boten ihm die
Möglichkeit, seine Vision in die Tat umzusetzen. 1715 starb Ludwig XIV. und
hinterließ einen riesigen Schuldenberg. John Law stellte sich als denjenigen
vor, der das Problem lösen würde, und der Regent Philipp II. ließ ihn gewähren,
da ihm selbst nichts Besseres einfiel.
Die schönste
künstlerische Behandlung des Themas findet sich in Faust II, wo Mephisto die
Finanzprobleme des Kaisers beseitigt, indem er das Papiergeld erfindet:
In den Worten des Kanzlers:
Beglückt genug in meinen alten Tagen.
So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,
Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
„Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:
Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
Sogleich gehoben, diene zum Ersatz.“
Faust selbst sagt:
Das Übermaß
der Schätze, das, erstarrt,
In deinen
Landen tief im Boden harrt,
Liegt
ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen
Reichtums kümmerlichste Schranke;
Die
Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt
sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen
Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum
Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.
Die New Economy zu Zeiten John Laws sah so
aus: Das Steigen der Mississippi-Aktien führte zu einer größeren Akzeptanz
des Papiergeldes, mit dem man diese Aktien kaufen konnte. Das wiederum ermöglichte
es, noch mehr Papiergeld zu drucken, was zu einer galoppierenden Inflation und
einem noch stärkeren Anstieg des Aktienkurses führte. Bis eines Tages sowohl
die Aktien als auch das Papiergeld wertlos waren. Das Experiment schien so lange
zu glücken, wie die dahinterstehende Geschichte geglaubt wurde: Zum einen, dass
Papier Geld sein kann, und zum anderen, dass es in Louisiana ungeheure Bodenschätze
gebe. Als der Bevölkerung dämmerte, dass das Papiergeld unkontrolliert
vermehrt wurde und gleichzeitig klar wurde, dass an der Louisiana-Story nichts
dran war, brach die Panik aus, und die Wirtschaft kollabierte. John Law floh
nach Venedig, wo er sich wieder der Tätigkeit widmete, die sein Leben vor
seinem Eintritt in die Politik bestimmt hatte: dem Glücksspiel.
Das Börsenfieber in Frankreich führte zu
Nachahmern in England. Jemand kam auf die Idee, eine Firma zu gründen, die ein
reines Schwindelunternehmen war, die South Sea Company. Auch ihre Aktien stiegen
in sagenhafte Höhen, obwohl sie kein Geld verdiente. Plötzlich gab es
zahllose Unternehmer, die die Gunst der Stunde nutzen wollten, um
Wagniskapital zu sammeln. Der Kapitalismus war noch jung, und die Liste der
Unternehmen, die beantragten, als Aktiengesellschaft zugelassen zu werden,
zeigte auf beeindruckende Weise die kreativen Möglichkeiten freien
Unternehmertums. Zu den Geschäftsideen gehörten u.a.: die Straßen von London
pflastern; die Stadt Deal mit frischem Wasser versorgen; Matrosen gegen
Lohnausfall versichern; Tabak importieren und nach Schweden weiterverkaufen;
Schiffe gegen Seeräuber schützen; Versicherungen gegen Scheidungen anbieten;
im Chelsea-Park Maulbeerbäume pflanzen und Seidenraupen züchten; Silber aus
Blei extrahieren; oder auch – warum nicht? - ein Perpetuum Mobile entwickeln.
Die originellste Idee aber, die auch heute noch immer wieder zitiert wird, war:
„Ein Unternehmen durchführen, das für alle von großem Vorteil sein wird,
von dem aber nicht gesagt werden kann, worin es besteht.“
Dies war die Geschäftsidee der Zukunft: Auch
knapp 300 Jahre später, auf dem Höhepunkt der „New Economy“-Blase
1999/2000, erfuhren gerade Aktien solcher Unternehmen phänomenale
Kurssteigerungen, deren Geschäft niemand verstand. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Börsengang
der Softwarefirma VA Linux im Dezember 1999. Es handelte sich um ein
Unternehmen, das keine nennenswerten Patente besaß, nur geringe Umsätze machte
und auch für die absehbare Zukunft Verluste erwartete. Die Aktien sollten ursprünglich
zu 11 Dollar ausgegeben werden, doch wegen der großen Nachfrage wurde der Preis
erst auf 20, dann auf 30 Dollar erhöht. Am ersten Handelstag stiegen sie bis
auf 320 Dollar und schlossen bei 239 Dollar – ein Tagesgewinn von 697 Prozent.
Auf dem Papier waren die Firmenbesitzer über Nacht zu Milliardären geworden,
ohne dass ihr Unternehmen auch nur einen Dollar verdient hätte oder der
Buchhalter hätte sagen können, ob denn jemals ein Gewinn zu erwarten gewesen wäre.
Die Welt war zum Märchenland geworden. Die Investmentbanken, die die Aktien an
die Börse brachten, stellten jeden Tag aufs Neue unter Beweis, dass sie in der
Lage waren, aus Stroh Gold zu machen. Der damalige Investmentbanker brauchte die
Fähigkeiten eines Schriftstellers. Wichtig waren die „Story“ und seine Fähigkeit,
die Phantasie seiner Zuhörer und Leser zu beflügeln. Dieses Geschäft
beschreibt John Rolfe, ein ehemaliger Angestellter der Investmentbank Donaldson,
Lufkin, Jenrette, in seinem Buch „Monkey Business“. Ein Unternehmen, das an
die Börse wollte, fragte bei verschiedenen Investmentbanken an, welchen Erlös
es bei einem Börsengang erwarten könne. Was die Investmentbanker dann taten,
beschreibt Rolfe so: „Wir hatten
viele Bewertungsmethoden zur Verfügung. Es wäre schön gewesen, wenn wir
einige Techniken hätten ausprobieren können und dann diejenige benutzen, mit
der wir die anvisierte Bewertung hätten erreichen können. Das Problem war,
dass uns unsere Bewertungsmethoden für gewöhnlich nicht die Zahlen gaben, die
wir brauchten. Die Zahlen, die wir den Unternehmen geben mussten, um den Auftrag
zu erhalten, waren normalerweise höher als das, was wir vernünftigerweise hätten
rechtfertigen können. Dies war ein Problem, aber kein unlösbares. Solange wir
willens waren, die Grenzen unseres Optimismus auszudehnen und eine zweite
Hypothek auf unseren Anstand aufzunehmen, konnten wir dort landen, wo wir sein
mussten.“ Ein Ingenieursunternehmen, das Rolfe an die Börse bringen sollte,
hatte viele Kunden in der Rundfunkbranche. Rolfe schreibt: „Aktien von
Rundfunkfirmen waren damals an den Aktienmärkten viel höher bewertet als
Ingenieursunternehmen, also überzeugten wir die Käufer davon, dass die Firma,
deren Börsengang bevorstand, eigentlich ein Rundfunkunternehmen sei, dass sehr
viele Ingenieure beschäftige. Es funktionierte wie Magie.“
Nach dem großen Börsenkrach der Jahre 2000 und
2001 wechselten Fiktion und Fantasy vom Aktien- zum Rentenmarkt.
„Die modernen Finanz-Alchemisten destillierten
aus einem „bleiernen“ Portefeuille mit vielen riskanten Hypotheken eine große
CDO-Tranche mit „goldener“ Bonität, ferner mehrere kleinere Tranchen mit höheren
und teilweise auch sehr hohen Ausfallrisiken.“
Im Sommer 2007 kamen die Banken zum ersten Mal
auf die Idee, in die Säcke hineinzuschauen, und was darin war, war so
erschreckend, dass es sofort zu einer Finanzkrise führte. Die Panik ließ erst
nach, als Staaten und Notenbanken beruhigende Geschichten erzählten, die sie
durch viel Geld glaubhaft machten. Hierin ähneln sich Notenbanken und
Schriftsteller: Beide bringen große Mengen bedrucktes Papier in Umlauf. Beide müssen
aber auch darauf achten, dass das Volk dessen nicht überdrüssig wird. Man muß
es bei Laune halten.
Der Glaube an ein Happy End ist jedoch auf dem
Gebiet der Wirtschaft ebenso rar geworden wie auf dem der ernsthaften Literatur.
Ein Politiker, der Wohlstand für alle oder Vollbeschäftigung verspräche,
erschiene ebenso unseriös wie der Schriftsteller, der seine Protagonisten glücklich
bis ans Ende ihrer Tage leben ließe. Das führt aber in keinem Fall zu
permanentem Fatalismus. Denn weder die Wirtschaft noch die Literatur können
lange Zeit in Stagnation verharren, beide sind vom Geist der Alchimisten
beseelt. Unentschieden ist, wer auf diesem Gebiet die größeren Leistungen
vollbracht hat. Auf den Finanzmärkten ist es möglich, ungehobene Schätze zu
handeln und durch Hokuspokus reich zu werden. Das ist beachtlich, doch die
Literatur steht der Finanzwelt nicht unbedingt nach:
Schaut man sich an, welche Bücher in den letzten Jahren sehr große
Verkaufserfolge hatten, muss man zugeben, dass auch viele Verleger Alchimisten
sind und die Fähigkeit haben, unedle Stoffe zu Geld zu verwandeln.