Ein Roman aus dem Jahr 1928, von dem Sie sehr wahrscheinlich noch nie gehört haben, obwohl man ihn mit einigem Recht als eines der einflussreichsten Werke des 20. Jahrhunderts bezeichnen könnte, endet wie folgt:

„Oft vorher schon hatte er die lange und geheimnisvolle Reihe von Lichtern eines abfahrenden Zuges beobachtet, der sich durch die dunkle Nacht wand, und jedes Mal einen Schauer empfunden. Aber nie einen so heiligen Schauer wie jetzt.“

Der einzige Inhalt des Buches ist ein Gespräch im Rauchsalon eines Eisenbahnwaggons, das angestoßen wird von der bloß „Grauer Herr“ genannten Person, die gerade den heiligen Schauer empfunden hat. Zu Recht, hat er doch im Gespräch mit einem Abgeordneten, einem Geschäftsmann, einem Seidenwarenfabrikanten und einem Ökonomieprofessor eine Möglichkeit entdeckt, Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit ein für alle Male abzuschaffen. Alles, was zu tun sei, sei folgendes: Der Staat müsse Statistiken erstellen, mit denen die wirtschaftliche Aktivität gemessen werden könne. Sobald sich eine Abschwächung der Konjunktur andeute, müsse der Staat für höhere Nachfrage sorgen, indem er Geld ausgebe für den Bau von Wasserstraßen, Häfen, Staatsstraßen, Parkanlagen und Dämmen. Ja, es ist das, was wir heute als Keynesianismus bezeichnen. Die Idee wurde aber nicht etwa von dem britischen Ökonomen Keynes bekannt gemacht, der seine General Theory ja erst 1936 veröffentlichte, sondern von den beiden amerikanischen Publizisten Waddill Catchings (1879–1967) und William Trufant Foster (1879–1950), die den Roman geschrieben haben, aus dem ich eben zitiert habe und der den Titel “Der Weg zum Überfluß” trägt. Er war es, der US-Präsident Hoover, seinen Nachfolger Roosevelt und dessen New Dealer inspirierte.

Literatur eignet sich durchaus dazu, Entwicklungen in der Wirtschaft anzustoßen. Literatur und Wirtschaft sind ja auch in gewisser Weise verwandt. In beiden geht es darum, Neues zu schaffen und das Vorhandene ständig neu zusammenzusetzen. Beide haben keine Grenzen, sondern streben zum Unendlichen hin, und bei beiden spielt die Story eine große Rolle. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Anhänger des Keynesianismus von Foster und Catchings nichts mehr wissen – oder nichts mehr wissen wollen. Wäre es nicht unangenehm, dass am Anfang aller keynesianischer Ideologie nicht ein gelehrtes ökonomisches Werk mit vielen Formeln stand, sondern ein Roman? Das könnte daran erinnern, dass der Keynesianismus keine Wissenschaft ist, sondern ein literarisches Phänomen: Keynes liefert die Story für das, was Politiker ohnehin am liebsten tun: Geld ausgeben. Daß die Gesellschaft reicher wird, indem sie fahrtüchtige Autos verschrottet, ist eine Vorstellung, die an das literarische Vorbild der Schildbürger erinnert.

Überhaupt gibt es in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten eigentlich nichts, was die Literatur nicht schon viel früher entdeckt hätte. Komplexe Finanzinstrumente existierten in der Vorstellung der Dichter schon vor Jahrhunderten, man denke etwa an Fortunati Glückssäckel oder den Dukatenesel im Märchen „Tischlein deck dich“. Damit sie von der Idee zur Wirklichkeit springen konnten, musste allerdings eine Schranke niedergerissen werden: Wert durfte nicht mehr an etwas Materielles gebunden sein, sondern mußte zu einer Imagination werden – nicht zu einer individuellen freilich, sondern zu einer kollektiven und universellen. Ein 100-Euro-Schein wird überall auf der Welt als Wert akzeptiert, obwohl er bloß bedrucktes Papier ist. Sein Wert ist durch nichts gedeckt – so, wie eine literarische Fiktion in der Regel nicht durch Tatsachen gedeckt ist und es für ihren literarischen Wert auch keine Rolle spielt, ob sie „wahr“ ist. Wir sprechen von „Zeichengeld“, im Englischen ist das Wort „Fiat money“ üblich: „Fiat“ ist latein für „es werde“ und lässt an die Schöpfungsgeschichte des 1. Buch Moses denken. Tatsächlich handelt es sich um den Schöpfungsmythos der modernen Wirtschaft. Sie wird nicht allein vom Austausch von Waren und Dienstleistungen bestimmt, sondern wesentlich von Geschichten, die erzählt werden. Wenn sie schon nicht wahr sind, so sollen sie doch zumindest plausibel sein, es kommt also darauf an, sie glaubwürdig zu erzählen. Schwächen in der Erzählung werden irgendwann bestraft: Das „Verbrauchervertrauen“ sinkt,  „die Märkte verlieren das Vertrauen“, am Ende kommt es zur allgemeinen Glaubenskrise, der sogenannten „Kreditklemme“ (Kredit von lat. credere: glauben). Der Glaube kann sehr schnell verlorengehen, aber auch sehr leicht hergestellt werden, sodass Werte zwar schnell verschwinden, aber auch im Handumdrehen geschaffen werden können. Das war nicht immer so. Als Geld noch etwas Materielles war, war die Alchimie vor schier unlösbare Probleme gestellt.

Denis Zachaire, ein französischer Alchimist des 16. Jahrhunderts, hat uns eine Autobiographie hinterlassen, die einen Eindruck gibt von den Mühen und Herausforderungen des damaligen Alchimistenlebens:

„Nachdem ich 15 Tage gereist war, kam ich am 9. Januar 1539 in Paris an. Einen Monat lang blieb ich fast unbekannt. Doch kaum dass ich angefangen hatte, die Geschäfte der Schmelzofenmacher zu besuchen, hatte ich auch schon die Bekanntschaft mit über hundert aktiven Alchimisten gemacht, von denen jeder eine andere Theorie und Arbeitsweise hatte. Manche bevorzugten die Zementation; andere suchten das Alkahest oder Lösemittel; und andere prahlten mit der großen Wirkung der Schmirgelessenz. Einige strebten danach, Quecksilber aus anderen Metallen zu extrahieren, um es nachher wieder zusammenzusetzen. Damit jeder von uns mit den Methoden der anderen gründlich vertraut würde, vereinbarten wir, uns jede Nacht irgendwo zu treffen und die Fortschritte zu berichten. Wir trafen uns mal in dem Haus des einen, mal in der Dachstube des anderen. Nicht nur an Wochentagen, sondern auch sonntags und an den hohen kirchlichen Feiertagen. „Ah“, pflegte einer zu sagen, „wenn ich bloß die Mittel hätte, das Experiment zu wiederholen, würde schon etwas dabei herauskommen.“ „Ja“, sagte ein anderer, „wenn mein Schmelztiegel nicht zerbrochen wäre, hätte ich längst Erfolg gehabt“, während ein dritter mit einem Seufzer sagte: „Wenn ich nur ein rundes Kupfergefäß von genügender Dicke hätte, hätte ich bereits Silber mit Quecksilber vereint.“ Es war keiner unter ihnen, der nicht eine Entschuldigung für sein Versagen hatte, doch ich blieb taub gegenüber ihren Reden und gab keinem mein Geld, denn ich erinnerte mich daran, wie oft ich schon von solchen Versprechen betrogen worden war.“  

Wir sehen hier, dass auch damals schon die Gewinner unter den Goldmachern diejenigen waren, die die beste Story zu erzählen hatten und so Investoren anlocken konnten. Für den Geschäftserfolg war nicht das tatsächlich erzielte Resultat ausschlaggebend – zumindest dann, wenn sie sich schnell genug aus dem Staub machten. Doch erst mit der Erfindung und Verbreitung des Zeichengelds konnte das Alchimistenziel erreicht werden. Die Alchimisten alter Schule hatten ihre Aufgabe einfach zu wörtlich genommen und versucht, echtes Gold herzustellen - was ihnen natürlich nicht gelingen konnte. Eine Abstraktion war notwendig, um zum Ziel zu gelangen. Man durfte den Begriff des Goldes nicht für bare Münze nehmen, sondern musste die dahintersteckende Idee erkennen.

Der schottische Abenteurer John Law verfasste 1705 eine finanztheoretische Schrift, in der er den Mangel an Geld als drängendstes ökonomisches Problem seiner Zeit beschrieb: „Der Binnenhandel hängt vom Geld ab. Eine größere Menge bringt mehr Menschen in Beschäftigung als eine geringere. Eine begrenzte Menge Geld kann nur eine begrenzte Menge Leute beschäftigen, das ist der Grund, weshalb dort, wo Geld knapp ist, gute Gesetze zur Beschäftigung der Armen und Untätigen versagen. Gute Gesetze können das Geld zur vollen Zirkulation bringen, dorthin, wo es am profitabelsten für das Land ist. Aber kein Gesetz kann es darüber hinaus zwingen, noch können mehr Menschen in Arbeit gebracht werden, ohne dass mehr Geld zirkuliert, um ihre Löhne zu bezahlen. Sie könnten auf Kreditbasis in Arbeit gebracht werden, aber das ist nicht zweckmäßig, es sei denn, der Kredit zirkuliert ... dann wäre Kredit Geld und hätte denselben Effekt, im Inland und im Außenhandel.“

John Law sah in Geld kein Wertaufbewahrungs-, sondern ein Tauschmittel. Frankreichs fiskalische Schwierigkeiten boten ihm die Möglichkeit, seine Vision in die Tat umzusetzen. 1715 starb Ludwig XIV. und hinterließ einen riesigen Schuldenberg. John Law stellte sich als denjenigen vor, der das Problem lösen würde, und der Regent Philipp II. ließ ihn gewähren, da ihm selbst nichts Besseres einfiel. Law gründete eine Notenbank, die Papiergeld ausgab, und gründete gleichzeitig eine Gesellschaft, die sich die Kolonisierung Louisianas zum Ziel gesetzt hatte. 1718 wurde die Stadt New Orleans gegründet. Eine Hyperspekulation in den Aktien dieses Unternehmens machte viele Franzosen in kurzer Zeit reich; man erfand das Wort „Millionär“, und der erste Millionär war John Law.   

Die schönste künstlerische Behandlung des Themas findet sich in Faust II, wo Mephisto die Finanzprobleme des Kaisers beseitigt, indem er das Papiergeld erfindet:

 

In den Worten des Kanzlers:

Beglückt genug in meinen alten Tagen.

So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,

Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.

„Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:

Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.

Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,

Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.

Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,

Sogleich gehoben, diene zum Ersatz.“

   

Faust selbst sagt:

 

Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt,

In deinen Landen tief im Boden harrt,

Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke

Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;

Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,

Sie strengt sich an und tut sich nie genug.

Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,

Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.

Die New Economy zu Zeiten John Laws sah so aus: Das Steigen der Mississippi-Aktien führte zu einer größeren Akzeptanz des Papiergeldes, mit dem man diese Aktien kaufen konnte. Das wiederum ermöglichte es, noch mehr Papiergeld zu drucken, was zu einer galoppierenden Inflation und einem noch stärkeren Anstieg des Aktienkurses führte. Bis eines Tages sowohl die Aktien als auch das Papiergeld wertlos waren. Das Experiment schien so lange zu glücken, wie die dahinterstehende Geschichte geglaubt wurde: Zum einen, dass Papier Geld sein kann, und zum anderen, dass es in Louisiana ungeheure Bodenschätze gebe. Als der Bevölkerung dämmerte, dass das Papiergeld unkontrolliert vermehrt wurde und gleichzeitig klar wurde, dass an der Louisiana-Story nichts dran war, brach die Panik aus, und die Wirtschaft kollabierte. John Law floh nach Venedig, wo er sich wieder der Tätigkeit widmete, die sein Leben vor seinem Eintritt in die Politik bestimmt hatte: dem Glücksspiel.

Das Börsenfieber in Frankreich führte zu Nachahmern in England. Jemand kam auf die Idee, eine Firma zu gründen, die ein reines Schwindelunternehmen war, die South Sea Company. Auch ihre Aktien stiegen in sagenhafte Höhen, obwohl sie kein Geld verdiente. Plötzlich gab es  zahllose Unternehmer, die die Gunst der Stunde nutzen wollten, um Wagniskapital zu sammeln. Der Kapitalismus war noch jung, und die Liste der Unternehmen, die beantragten, als Aktiengesellschaft zugelassen zu werden, zeigte auf beeindruckende Weise die kreativen Möglichkeiten freien Unternehmertums. Zu den Geschäftsideen gehörten u.a.: die Straßen von London pflastern; die Stadt Deal mit frischem Wasser versorgen; Matrosen gegen Lohnausfall versichern; Tabak importieren und nach Schweden weiterverkaufen; Schiffe gegen Seeräuber schützen; Versicherungen gegen Scheidungen anbieten; im Chelsea-Park Maulbeerbäume pflanzen und Seidenraupen züchten; Silber aus Blei extrahieren; oder auch – warum nicht? - ein Perpetuum Mobile entwickeln. Die originellste Idee aber, die auch heute noch immer wieder zitiert wird, war: „Ein Unternehmen durchführen, das für alle von großem Vorteil sein wird, von dem aber nicht gesagt werden kann, worin es besteht.“

Dies war die Geschäftsidee der Zukunft: Auch knapp 300 Jahre später, auf dem Höhepunkt der „New Economy“-Blase 1999/2000, erfuhren gerade Aktien solcher Unternehmen phänomenale Kurssteigerungen, deren Geschäft niemand verstand. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Börsengang der Softwarefirma VA Linux im Dezember 1999. Es handelte sich um ein Unternehmen, das keine nennenswerten Patente besaß, nur geringe Umsätze machte und auch für die absehbare Zukunft Verluste erwartete. Die Aktien sollten ursprünglich zu 11 Dollar ausgegeben werden, doch wegen der großen Nachfrage wurde der Preis erst auf 20, dann auf 30 Dollar erhöht. Am ersten Handelstag stiegen sie bis auf 320 Dollar und schlossen bei 239 Dollar – ein Tagesgewinn von 697 Prozent. Auf dem Papier waren die Firmenbesitzer über Nacht zu Milliardären geworden, ohne dass ihr Unternehmen auch nur einen Dollar verdient hätte oder der Buchhalter hätte sagen können, ob denn jemals ein Gewinn zu erwarten gewesen wäre. Die Welt war zum Märchenland geworden. Die Investmentbanken, die die Aktien an die Börse brachten, stellten jeden Tag aufs Neue unter Beweis, dass sie in der Lage waren, aus Stroh Gold zu machen. Der damalige Investmentbanker brauchte die Fähigkeiten eines Schriftstellers. Wichtig waren die „Story“ und seine Fähigkeit, die Phantasie seiner Zuhörer und Leser zu beflügeln. Dieses Geschäft beschreibt John Rolfe, ein ehemaliger Angestellter der Investmentbank Donaldson, Lufkin, Jenrette, in seinem Buch „Monkey Business“. Ein Unternehmen, das an die Börse wollte, fragte bei verschiedenen Investmentbanken an, welchen Erlös es bei einem Börsengang erwarten könne. Was die Investmentbanker dann taten, beschreibt Rolfe  so: „Wir hatten viele Bewertungsmethoden zur Verfügung. Es wäre schön gewesen, wenn wir einige Techniken hätten ausprobieren können und dann diejenige benutzen, mit der wir die anvisierte Bewertung hätten erreichen können. Das Problem war, dass uns unsere Bewertungsmethoden für gewöhnlich nicht die Zahlen gaben, die wir brauchten. Die Zahlen, die wir den Unternehmen geben mussten, um den Auftrag zu erhalten, waren normalerweise höher als das, was wir vernünftigerweise hätten rechtfertigen können. Dies war ein Problem, aber kein unlösbares. Solange wir willens waren, die Grenzen unseres Optimismus auszudehnen und eine zweite Hypothek auf unseren Anstand aufzunehmen, konnten wir dort landen, wo wir sein mussten.“ Ein Ingenieursunternehmen, das Rolfe an die Börse bringen sollte, hatte viele Kunden in der Rundfunkbranche. Rolfe schreibt: „Aktien von Rundfunkfirmen waren damals an den Aktienmärkten viel höher bewertet als Ingenieursunternehmen, also überzeugten wir die Käufer davon, dass die Firma, deren Börsengang bevorstand, eigentlich ein Rundfunkunternehmen sei, dass sehr viele Ingenieure beschäftige. Es funktionierte wie Magie.“

Nach dem großen Börsenkrach der Jahre 2000 und 2001 wechselten Fiktion und Fantasy vom Aktien- zum Rentenmarkt. Investmentbanker, die nach einem neuen Eldorado suchten, fanden eine Möglichkeit, den Markt für festverzinsliche Wertpapiere, der bis dahin als sicher, aber langweilig gegolten hatte, zu einem aufregenden und riskanten Abenteuer zu machen. Wie im Faust ging es um ungehobene Schätze: Mithilfe von sogenannten CDOs konnte jeder feste Zahlungsstrom oder zukünftige Wert verbrieft werden, beispielsweise: Hypothekenkredite, Unternehmenskredite, Autokredite, Leasingeinnahmen aller Art, Franchisegebühren, Schiffskredite, Einnahmen aus Autobahngebühren usw. Der britische Musiker David Bowie begab 1997 einen Asset Backed Bond, der durch Einnahmen aus den Rechten an seinen Songs gedeckt war. Während des US-Immobilienbooms zwischen 2002 und 2007 verdoppelten sich die Hypothekenkredite von 7 auf 14 Billionen Dollar. Eine riesige Menge an dubiosen Schuldscheinen musste an deutsche Landesbanken verkauft werden. Nun wären dubiose Schuldscheine normalerweise nicht auf großes Interesse gestoßen. Das änderte sich dadurch, dass man viele Katzen in einen Sack steckte und von den Ratingagenturen die Beglaubigung einholte, dass die Katzen alle eine sehr hohe Bonität hätten. Die „FAZ“ schrieb im Januar 2008:

„Die modernen Finanz-Alchemisten destillierten aus einem „bleiernen“ Portefeuille mit vielen riskanten Hypotheken eine große CDO-Tranche mit „goldener“ Bonität, ferner mehrere kleinere Tranchen mit höheren und teilweise auch sehr hohen Ausfallrisiken.“

Im Sommer 2007 kamen die Banken zum ersten Mal auf die Idee, in die Säcke hineinzuschauen, und was darin war, war so erschreckend, dass es sofort zu einer Finanzkrise führte. Die Panik ließ erst nach, als Staaten und Notenbanken beruhigende Geschichten erzählten, die sie durch viel Geld glaubhaft machten. Hierin ähneln sich Notenbanken und Schriftsteller: Beide bringen große Mengen bedrucktes Papier in Umlauf. Beide müssen aber auch darauf achten, dass das Volk dessen nicht überdrüssig wird. Man muß es bei Laune halten.

Der Glaube an ein Happy End ist jedoch auf dem Gebiet der Wirtschaft ebenso rar geworden wie auf dem der ernsthaften Literatur. Ein Politiker, der Wohlstand für alle oder Vollbeschäftigung verspräche, erschiene ebenso unseriös wie der Schriftsteller, der seine Protagonisten glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben ließe. Das führt aber in keinem Fall zu permanentem Fatalismus. Denn weder die Wirtschaft noch die Literatur können lange Zeit in Stagnation verharren, beide sind vom Geist der Alchimisten beseelt. Unentschieden ist, wer auf diesem Gebiet die größeren Leistungen vollbracht hat. Auf den Finanzmärkten ist es möglich, ungehobene Schätze zu handeln und durch Hokuspokus reich zu werden. Das ist beachtlich, doch die Literatur steht der Finanzwelt nicht unbedingt nach:  Schaut man sich an, welche Bücher in den letzten Jahren sehr große Verkaufserfolge hatten, muss man zugeben, dass auch viele Verleger Alchimisten sind und die Fähigkeit haben, unedle Stoffe zu Geld zu verwandeln.